Michael Ralph Pape
WS 1998/1999
Die Existenz nichtorientierbarer Flächen war eine bedeutende mathematische Entdeckung des 19. Jahrhunderts.
Das Ziel dieses Seminars ist es, solche Flächen ein wenig besser zu verstehen und sich mit Hilfe von Maple ein Bild von ihnen zu machen.
Um bestimmen zu können, welche Flächen nicht orientierbar sind, müssen wir zuerst
Klarheit über den Begriff der Orientierbarkeit regulärer Flächen erlangen. Später
werden wir Beispiele für nichtorientierbare Flächen, mit Hilfe gewisser Identifizierungen
der Seiten eines Rechtecks, kennenlernen. Im Anschluß daran, wollen wir uns
noch der Realisierung solcher nichtorientierbarer Flächen im
widmen.
Jeder Punkt
einer regulären Fläche
besitzt eine Tangentialebene
. Eine intuitive Wahl einer Orientierung auf dieser Tangentialebene
induziert eine Orientierung in einer Umgebung des Punktes
auf
. Intuitive Wahl bedeutet, daß hinreichend kleine geschlossene Kurven
um Punkte in dieser Umgebung, im positiven Sinn durchlaufen werden.
Ist es möglich, die Wahl für jedes
so zu treffen, daß die Orientierung
im Durchschnitt von zwei Umgebungen übereinstimmt, so heißt
orientierbar.
Ist das nicht möglich, so heißt
nicht orientierbar.
Wir betrachten nun eine Parametrisierung
einer Umgebung eines
Punktes
einer regulären Fläche
. Als Orientierung von
erhalten wir die Orientierung der zugehörigen geordneten Basis
.
Gehört
zur Koordinatenumgebung einer anderen Parmetrisierung
,
so läßt sich die neue Basis
in Termen der ersten ausdrücken durch
wobei
und
die Darstellungen des Koordinatenwechsels sind. Die Basen
und
bestimmen
genau dann dieselbe Orientierung von
, wenn die Jacobische
des Koordinatenwechsels positiv ist.
Definition 1: Eine reguläre Fläche
heißt orientierbar,
wenn es möglich ist, sie mit einer Familie von Koordinatenumgebungen so zu überdecken,
daß, wenn ein Punkt
zu zwei Umgebungen dieser Familie gehört,
der Koordinatenwechsel eine positive Jacobische hat. Kann man eine solche Familie
finden, so ist
orientierbar. Andernfalls ist
nicht
orientierbar.
Im
kann man eine geometrische Interpretation der
Orientierbarkeit einer regulären Fläche geben.
Ein gegebenes Koordinatensystem
liefert bei
eine bestimmte
Wahl eines Einheitsnormalenvektors
bei
durch die Formel
Nimmt man eine anderes Koordinatensystem
bei
so gilt
wobei
die
Jakobische des Koordinatenwechsels ist.
behält deshalb sein Vorzeichen
bei oder ändert es, ja nachdem ob
positiv oder negativ ist.
Definition 2: Sei
offen. Eine differenzierbare
Abbildung
, die jedem
einen
Einheitsnormalenvektor
an
in
zuordnet, heißt differenzierbares Einheitsnormalenvektorfeld .
Satz 1: Eine reguläre Fläche
ist genau dann orientierbar, wenn es ein differenzierbares und damit
stetiges Einheitsnormalenvektorfeld
auf
gibt.
Beweis: Ist
orientierbar, so ist es möglich,
mit einer Familie von Koordinatenumgebungen so zu überdecken, daß der Koordinatenwechsel
im Durchschnitt von je zwei Koordinatenumgebungen, eine positive Jacobische
hat. In den Punkten
jeder Umgebung definieren wir den Einheitsnormalenverktor
durch Gleichung (1).
ist
wohldefiniert, denn, falls
zu zwei Koordinatenumgebungen mit Parametern
und
gehört, die Normalenvektoren
und
wegen Gleichung (2)
übereinstimmen. Darüber hinaus sind (wegen Gleichung (1))
die Koordinaten von
in
differenzierbare
Funktionen von
und die Abbildung
ist deshalb differenzierbar.
Auf der anderen Seite sei
ein differenzierbares
Einheitnormalenvektorfeld. Wir betrachten eine Familie zusammenhängender
Koordinatenumgebungen, die
überdecken. Für die Punkte
JEDER Koordinatenumgebung
,
ist es möglich es so einzurichten, daß aufgrund der Stetigkeit von
gilt. Das innere Produkt
ist eine stetige Funktion auf
. Weil
zusammenhängend ist,
ist das Vorzeichen von
konstant. Ist
so vertauschen wir
und
in der Parametrisierung und die Behauptung folgt.
Verfährt man so mit allen Koordinatenumgebungen, dann ist im Durchschnitt von
je zwei Koordinatenumgebungen, z.B.
und
die Jacobische
sicherlich positiv. Nach Definition 1 ist
dann orientiert.
qed
Der Beweis zeigt, daß man nur die Existenz eines stetigen Vektorfeldes auf
braucht, damit
orientierbar ist. Ein solches Vektorfeld ist automatisch
differenzierbar.
Bisher haben wir die theoretischen Grundlagen für die Orientierbarkeit besprochen. Nun wenden wir uns topologischen Beschreibungen von Flächen zu.
Es gibt topologische Beschreibungen von einigen elementaren Flächen durch Identifizierung mit den Seiten eines Quadrates. Kleben wir z.B. die obere und die untere Seite eines Quadrates zusammen, so erhalten wir einen Zylinder. Anschaulich läßt sich das Verkleben oder das Identifizieren durch ein Quadrat darstellen, welches an der oberen und unteren Kante je einen in die gleiche Richtung zeigenden Pfeil hat.
Verkleben wir nun noch die rechte und die linke Seite des Quadrates, was sich darstellen läßt durch zwei nach oben oder unten zeigende Pfeile an den Kanten, so ensteht ein Torus.
Identifizieren wir wieder die Ober- und Unterkante des Quadrates, aber diesesmal mit umgekehrt orientierten Pfeilen, so erhalten wir das Möbiusband.
Die Kleinsche Flasche entsteht bei einem solchen Identifiezierungsprozeß, wenn die horizontalen Pfeile in die gleiche Richtung und die vertikalen in die entgegengesetzte Richtung zeigen. Bei Vertauschung von horizontal und vertikal ergibt sich dieselbe Fläche.
Schließlich können wir die Quadratseiten noch so identifizieren, daß sowohl die vertikalen als auch die horizontalen Pfeile in unterschiedliche Richtungen zeigen. Die so entstandene Fläche heißt reelle projektive Ebene. Man kann sie sich als Sphäre vorstellen, bei der alle Paare antipodal gegenüberliegender Punkte zu jeweils einem einzigen Punkt identifiziert werden.
Damit haben wir topologische Beschreibungen des Möbiusbandes, der Kleinschen Flasche und der reellen projektiven Ebene gegeben. Diese drei Flächen erweisen sich als nicht orientierbar.
Schwierig ist es für diese Flächen Parameterdarstellungen zu finden.
Um für das Möbiusband ein Parameterdarstellung zu finden, ist es von Vorteil sich ein anderes Modell zu schaffen. Hierbei läßt man ein Geradensegment um eine Achse kreisen, wobei es sich bei jeder Umkreisung einmal um seinen Mittelpunkt dreht. Wir erhalten für das Möbiusband die Parameterdarstellung:
Man sieht leicht, das für
sich der zentrale Kreis des Möbiusbandes
ergibt und daß jedes
wenn man
festhält, eine, den zentralen
Kreis schneidende Gerade ist. Läuft
von
bis
,
so variiert der Winkel zwischen der
-Achse und der Geraden zwischen
und
.
Jeder Versuch, ein Einheitsnormalenvektorfeld auf dem ganzen Möbiusband zu definieren, ist zum Scheitern verurteilt. Es läßt sich zwar ein solches Feld lokal angeben, versucht man es aber durch Verschiebung entlang des Mittelkreises auf das gesamte Möbiusband auszudehnen, so kommt die Einheitsnormale nach einer vollen Umdrehung entlang dieses Kreises auf der anderen Seite der Fläche an.
Das bedeutet, daß das Möbiusband nicht orienetierbar ist.
Als nächstes wenden wir uns der Kleinschen Flasche zu.
Sie ist ebenso wie das Möbiusband eine nicht orientierbare Fläche. Sie läßt sich als die Fläche beschreiben, die entsteht, wenn man eine Acht-Kurve die sich um ihren Mittelpunkt dreht, um eine Achse kreisen läßt. Die Kreisbewegung und die Drehung erfolgen wie beim Möbiusband, nur nimmt man hier anstelle des Geradensegments eine Acht-Kurve.
Aus diesem Modell ensteht die folgende Parameterdarstellung der Kleinschen Flasche:
Der zentrale Kreis der Kleinschen Flasche ist
. Halten
wir
fest und betrachten nur
so sehen wir eine Acht-Kurve.
Läuft nun
von
bis
, so läuft der Drehwinkel der
Acht von
bis
.
Dieselben Drehungen sind uns schon bei dem Möbiusband begegnet. Auch hier ist es nicht möglich ein Einheitsnormalenvektorfeld global zu definieren.
Wegen ihrer Selbstschnitte ist die Kleinsche Flasche im
keine reguläre Fläche.
Zum Abschluß wenden wir uns noch einer Realisierung der reellen projektive Ebene zu.
Sei
die Sphäre vom Radius
im
Die antipodale Abbildung
ist durch
definiert. Sie ist ein Diffeomorphismus. Die reelle projektive
Ebene
läßt sich als die Menge definieren, die man
erhält, wenn man antipodal gegenüberliegende Punkte von
miteinander
identifiziert. Somit ist
.
Um die reelle projektive Ebene als Fläche im
zu realisieren
müssen wir also nach einer Abbildung
suchen, die die antipodale Eigenschaft besitzt.
Definition 3: Gilt für eine Abbildung
so sagt man
besitzt die antipodale Eigenschaft.
Satz 2: Jede Abbildung
,
die die antipodale Eigenschaft hat, definiert eine andere Abbildung
,
durch
D.h., man kann
als die Bildmenge von
(unter der Abbildung
) betrachten. Jedes Koordinatennetz
,
führt zu einem, durch die Festsetzung
definierten, Koordinatennetz
Wir betrachten nun ein Beispiel für Abbildungen, die die antipodale Eigenschaft
besitzen. Wir werden diese Abbildung zu Erzeugung einer Realisierung der reellen
projektive Ebene verwenden.
Jacob Steiner entdeckte 1844, bei eine Rombesuch, eine Fläche, die man heute die Steinersche römische Fläche nennt. Sie ist eine Realisierung der reellen projektiven Ebene.
Um die Steinersche römische Flasche zu beschreiben, definiert man sich eine
Abbildung
mit
.
Es ist leicht zu sehen, daß diese Abbildung die antipodale Eigenschaft hat.
Folglich induziert
eine Abbildung
von der reellen projektiven Ebene
auf
heißt die Steinersche römische Fläche vom Radius a.
Verknüpft man nun noch die Abbildung
mit der Standardparametrisierung
von
, also dem Koordinatennetz
,
so parametrisiert diese Verknüpfung die gesamte Steinersche römische Fläche.
Ihre Parametrisierung lautet